Der 'Green Grocer' Moment: Mark Carneys Weckruf in Davos
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Heute gibt es mal wieder etwas “Off-Topic”, also keinen “Tech-Shit”, sondern Futter für den Kopf. Ich bin kürzlich über eine Rede gestolpert, die mich wirklich zum Nachdenken gebracht hat. Gehalten wurde sie vor ein paar Tagen (am 20. Januar 2026) von Kanadas Premierminister Mark Carney auf dem World Economic Forum.
Nostalgie ist keine Strategie!
— Mark Carney
Warum ich das hier teile? Weil es Themen berührt, die mir am Herzen liegen: Demokratie, Ehrlichkeit in der Politik und die Frage, wie wir in einer immer komplexeren Welt unsere Werte bewahren können. Carney nutzt darin eine starke Metapher von Václav Havel, die ich euch nicht vorenthalten möchte.
Hier ist meine Zusammenfassung und die wichtigsten Punkte für euch aufbereitet.
Die Kernbotschaft: “Take the sign down”
Mark Carney beginnt seine Rede nicht mit Wirtschaftszahlen, sondern mit Philosophie. Er zitiert den tschechischen Dissidenten (und späteren Präsidenten) Václav Havel und dessen Essay “Die Macht der Machtlosen”.
Die Geschichte geht so: Ein Gemüsehändler (“Green Grocer”) hängt jeden Morgen ein Schild mit “Proletarier aller Länder, vereinigt euch!” in sein Fenster. Nicht, weil er daran glaubt. Sondern einfach, um keinen Ärger zu bekommen, um dazuzugehören, um “im System” zu funktionieren. Havel nannte das “Leben in der Lüge”.
Carneys These: Wir – die westlichen Demokratien und Unternehmen – haben in den letzten Jahrzehnten genau das getan. Wir haben das Schild der “regelbasierten internationalen Ordnung” ins Fenster gehängt, obwohl wir wussten, dass diese Ordnung längst Risse hat, dass Großmächte sich nicht daran halten und dass wirtschaftliche Integration oft als Waffe benutzt wird.
Sein Appell: Es ist Zeit, das Schild abzunehmen. Wir müssen aufhören, so zu tun, als ob die alte Ordnung noch funktioniert, und stattdessen der Realität ins Auge sehen (“Live the truth”).
Die Kernaussagen der Rede
Ich habe die wichtigsten Punkte der fast 17-minütigen Rede für euch herausgearbeitet:
- Das Ende der Illusion: Die alte “regelbasierte Ordnung” schwindet. Wir befinden uns nicht in einer bloßen Übergangsphase, sondern in einem echten Bruch (“Rupture”). Großmächte nutzen Handel und Abhängigkeiten zunehmend als Druckmittel (Coercion).
- Die Rolle der “Middle Powers”: Länder wie Kanada (und IMO auch Deutschland/Europa) können es sich nicht leisten, alleine zu handeln. Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte (“If we’re not at the table, we’re on the menu”).
- Wertebasierter Realismus: Carney skizziert eine neue Strategie, die er “Value-based Realism” nennt (ein Begriff des finnischen Präsidenten Alexander Stubb). Das bedeutet:
- Prinzipientreu sein: Festhalten an Menschenrechten, Souveränität und dem Völkerrecht.
- Pragmatisch sein: Akzeptieren, dass nicht alle Partner unsere Werte teilen, und trotzdem mit ihnen arbeiten (“Variable Geometry” – unterschiedliche Koalitionen für unterschiedliche Probleme).
- Stärke zu Hause aufbauen: Um international souverän zu sein, muss man innenpolitisch stark sein. Er erwähnt massive Investitionen in Energie, KI, kritische Mineralien und eine Verdopplung der Verteidigungsausgaben Kanadas bis Ende des Jahrzehnts.
- Diversifizierung als Schutz: Wer sich von einem Hegemon abhängig macht, verliert seine Souveränität. Die Antwort ist der Aufbau breiterer Netzwerke. Er nennt hier explizit neue Partnerschaften mit der EU, aber auch pragmatische Abkommen mit China und Katar.
- Keine Festung bauen: Die Antwort auf die Krise darf nicht Isolationismus (“A world of fortresses”) sein, denn das macht alle ärmer. Stattdessen braucht es “kollektive Resilienz” – also Sicherheit durch Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten.
IMO (My Opinion)
Ich fand die Rede beeindruckend klar. Besonders die Havel-Analogie trifft den Nagel auf den Kopf. Wie oft haben wir in den letzten Jahren in der Tech-Welt oder Politik weggeschaut, wenn “Partner” unsere Werte mit Füßen getreten haben, nur damit der Handel weiterfließt?
Carneys Ansatz ist ernüchternd, aber auch hoffnungsvoll. Er sagt nicht, dass wir uns abschotten sollen, sondern dass wir bewusst und ehrlich Beziehungen gestalten müssen. Für mich als Europäer und Demokrat ist der Aufruf, dass die “Middle Powers” (zu denen wir in Europa ja zählen) zusammenhalten müssen, um nicht zerrieben zu werden, extrem wichtig.
Nostalgie ist keine Strategie, sagt Carney. Und da hat er absolut recht.
Quelle: FULL SPEECH: Canada’s PM Carney Says US-Led World Order Is Breaking at World Economic Forum
Hinweis: Dieser Beitrag spiegelt meine persönliche Meinung wider und stellt keine Rechtsberatung dar.
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